GEORG LOEWIT: Das Konzept des Raumes als Abbild des Vergangenen

Es gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen, seines Intellekts und seiner intuitiven Erfahrung, sich dem Prinzip des Raumes, der individuell erlebbaren Umgebung mit allen Sinnen abtastend zu nähern, ihn zu erkunden und natürlich auch, ihn – den Raum – zu entschlüsseln. Die Wertigkeit des Raumgefüges umfasst ebenfalls als postuliertes Grundprinzip mehr als nur den Gegenstand, das Motiv oder das Artefakt auf der gegenüberliegenden Seite oder am Ende des eigenen Sehvermögens.

Interessant ist viel mehr der Weg dazwischen, denn statische und auch labile Einheiten – sie können im pathetischeren Sinn als von Raum ummantelte Körper aufgefasst werden – sind in Wahrheit selbst Raum. Jedes Raumgebilde ist einem zeitbedingten Moment unterworfen, selbst das für uns vorab unverrückbar Statische, das für uns im Augenblick erkannt, erlebt und auch interpretiert wird, unterliegt Veränderungen. Wie unmöglich scheint es nun, das Statische, das Strukturelle in unserem Wahrnehmungsbereich als Weggebilde zu bezeichnen?

Und wie entscheidend sind doch die Zwischenräume für unser aller Empfinden, wenn wir uns als Betrachtende diverser Szenerien oder ganz einfacher Umgebungskonstrukte Gedanken über den Weg dorthin machen.

Räumlichkeiten und das Räumliche, das Raumgreifende und sehr subtil das Raumahnende stellen im Grunde genommen als metaphorische Vorstellungsmuster unsere ganz persönlichen Sichtweisen und Erfahrungsmodelle dar. Die Skulptur und das Bild sind ebenfalls nicht umkehrbarer Teil eines Gedankenkonstruktes, nämlich das des Kunstschaffenden.

Der 1959 in Innsbruck geborene Bildhauer, Maler und Schmuckkünstler Georg Loewit kumuliert in dem Konvolut seiner bildnerischen Arbeit, die zwischen 2009 und 2012 entstanden ist, jenen fortlaufenden Aspekt der räumlichen Veränderbarkeit visuell festgefahrener Strukturen und Module, die eben unabdingbar systematischen Veränderungen unterlegen oder intellektuell unterworfen sind. „Der Grundgedanke, dass hinter jeder Form von Leben und Sein, aber auch hinter allen Dingen und Formen ein System steht, prägt meine Wahrnehmung und initiiert meine Arbeit", beschreibt Georg Loewit sein konstruktives Umfeld.

Das zentrale Thema sowohl in seinen Skulpturen in Bronze als auch in den Arbeiten auf Leinen, umfasst das für unsere Wahrnehmung adaptiere Raumgefüge – das Haus in seiner Urform und das Zimmer mit Sichtbändern, der Raum als Saal und die Wand als Teil des Raumes, schlussendlich als Teil deren Kompartimentierung. Bildarbeiten, wie zum Beispiel „Am Tisch“, „Teller“ oder „Zitrone“ wirken in ihrer Surrealität wie Traumbilder einer doch unbewussten Vorstellungsebene – monochrome Farbfelder und ein der Perspektive verpflichtetes Achsensystem legen sehr deutlich und sehr bestimmt unsere Blickrichtung fest – in dem Sinn unterliegt unser aller Sehverhalten dennoch gewissen tradierten Mustern einer spezifischen Gemeinschaftsentwicklung.

Es wächst nun als Produkt unseres Willens heran, dem Bedürfnis und dem Vermögen des Betrachtenden, des Zuschauenden, jenes perspektivisch konzipierte Achsensystem als tatsächlichen Weg im Raum wahrzunehmen, es als Zeit unterlegene Einheit zu begreifen und als Konsequenz daraus assoziativ den Fluchtpunkt der Linien, sozusagen der Schnittstelle des Gesehenen, zu vervollständigen. Aber, es wäre verhängnisvoll zu glauben, dass jeder Verschlossenheit, jeder Wand, jeder Ebene und jedem Durchgang als Pendant ein entsprechendes Raumverhältnis darüber gelegt werden kann.

Es sind Vexierbilder im Sinn von intonierten Mustern und modularen Einheiten, die hier von Georg Loewit bedient werden, jedoch: Das Pendant eines zu engen Durchganges liegt vielleicht nur mehr in unserer Vorstellungskraft, ihn doch durchschreiten zu wollen.

Nicht nur nebenbei erwähnt, gelten die zuvor erstellten Bewegungsstudien, die Skizzen und Raummodelle für seine Bilder und Skulpturen als unabhängige Einheiten, die zwar den fortschreitenden Prozess der Entstehung einer schlüssigen Arbeit dokumentieren, aber umso gewisser dem Prinzip der Vergänglichkeit unterworfen sind. Unser aller durch die Zeit, den Weg und von Raummustern konditioniertes Blickverhalten erlaubt uns insbesondere in bildnerischen Darstellungen das Zwischenräumliche unbedarft, spielerisch und durchaus auch launig fortzuführen und Absurdes als weiteres, interaktives Modul zuzulassen.

Das Bild „Gardasee I“ besticht vorrangig im ersten, ursächlichen Moment durch das mediterrane Motiv eines zwar vereinsamten, aber arrangierten Essplatzes auf einer Terrasse mit strahlend blauem Horizont im Hintergrund.

Jedoch, das zitronengelbe Tischtuch verliert in der flirrenden Hitze als solches seine Farbigkeit und wird zur reinen minimal strukturierten Fläche, wie auch der Terrassenboden, die Mauer und der Horizont. Jede Nuanciertheit des Lichtes weicht hintergründig einem von grellem heißen Sonnenlicht induzierten Schlagschatten – und die aufgereihten Tauben am oberen Bildrand unterstreichen im Grunde genommen die Unwirtlichkeit der Szenerie und konterkarieren unsere Vorstellungsmuster von einladenden Terrassenidyllen.

Inwieweit korrespondieren in diesem Zusammenhang die Bildarbeiten und die skulpturalen Werke von Georg Loewit eigentlich miteinander? Und inwieweit findet man das Prinzip des Raum- und Zeitaspektes in seinen raumgreifenden Plastiken wieder?

Henry Moore offeriert uns in einem 1952 gehaltenen Vortrag über die „Bildhauer in der modernen Gesellschaft“ eine gültige und treffende Aussage: „Wir müssen zwischen einer Tradition wählen, die es dem Künstler gestattet, seine eigene Welt der Formerfindung zu entwickeln, seine Sicht der Wirklichkeit auszudrücken, und einer anderen, die vom Künstler verlangt, dass er sich einem orthodoxen Rahmen einfügt und eine doktrinäre Interpretation der Wirklichkeit wiedergibt.“ (Über die Plastik, 1972, S. 83).

Henry Moore: Der Bildhauer in der modernen Gesellschaft, in: Über die Plastik, Philip James (Hrsg.), München 1972, S. 80-87, S. 83.

In Georg Loewits eher kleinformatigen Bronzegebilden erwidern archetypisch geprägte Strukturen, konzentrierte perspektivische Verlagerungen von Innen- und Außenräumen und folglich surreal proportioniert Gewohntes nicht das „Wiederholen von Dingen“, sondern das neu Erfahrbarmachen.

Titel wie „Haus“, „Zimmer“, „Tisch“ und „Chaiselongue“ erläutern vorerst zwar in deren Ursprünglichkeit ihre für uns alle im Wortlaut adjustierte Zuordnung in unserer Gesellschaft, die Intention des Kunstschaffenden befürwortet jedoch eine andere Interpretationsweise: Auch in der Skulptur dominiert der provozierte, assoziative Betrachtungswille, indem archaisch anmutende Grundformen, nämlich durchaus mit Baukästen vergleichbar, bei uns allen entweder ein Gefühl von Geborgenheit und Wohlbehagen bis hin zu verspielten Erinnerungen hervorrufen, oder noch weiterführend in kontrapunktischer Assoziation eine unangenehm bis hin ins Bedrohliche gelagerte Gefühlswelt auftun. Glückliches oder Bestürzendes ist emotionaler Bestandteil jedes Hauses, jeder räumlichen Einheit – es wird schließlich jedem einzelnen von uns überlassen, den Blickwinkel in das Dahinter oder das Davor zuzulassen und zu steuern.

Jede Schrägheit einer Einheit, wie bei „Chaiselongue“, jede Überproportionierung von Hauselementen in Form von vermeintlichen Stecksystemen, von Satteldächern, Tischbeinen und von Schubsystemen, spricht als räumliches Artefakt wiederum das zeitliche Gefüge an – vergangene Momente erleben vielleicht noch eine Rückbesinnung, aber niemals erlauben sie eine existentielle Umkehrmöglichkeit. Das Mädchen vor dem Haus ist ebenfalls einem individuellen Konstrukt entwachsen, so wie der Tisch, der Teller oder Raumfluchten im Kontext von Lebenserfahrung zu sehen sind.

Jedenfalls wird im skulpturalen Aufbau genauso wie in den Bildwerken von Georg Loewit die axiale Blick- und Bewegungsrichtung vorgegeben – eben ohne Umkehrmöglichkeit. Räume ohne Schatten, Zwischenräume und Sehschlitze, die als Architektur leitend visuell verbindlich eingesetzt werden, konkurrieren nicht mit jenen wenigen organischen Hinweisen um deren Wertigkeit.

Verfließende Körper, Mädchengestalten, Aktdarstellungen und Gesichtsaufnahmen, aber auch blattloses Geäst oder eine einzelne Zitrone geben jedem Raum, jedem Innenraum und jeder Situation sinnliche Bedeutung: Das Unnahbare, das Intime und das daraus resultierende Geheimnisvolle jedenfalls ist selbständiger Teil jeder Erlebnis- und Erfahrungswerte, ohne die oft ersehnte Möglichkeit eines Umkehrschlusses – das ist von Bedeutung für uns Betrachtende genauso wie für den Künstler Georg Loewit.

Mag.phil. Eleonora Bliem-Scolari