„Zimmer“ 

„Was taten wir, als wir die Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden....? (F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, § 125)

Georg Loewit ist ein vielseitiger Künstler. Er ist Bildhauer, Maler, Goldschmied aber auch Ausstellungskurator und erfahrener Kunsterzieher. Das Pathos von Nietzsches prophetischem „tollem Menschen“ ist ihm persönlich vielleicht eher fremd, die Zeitdiagnose der Sache, das heißt von der Programmatik der Bilder her fuer ihn aber völlig durchschlagend.

Georg Loewits neue Bilder sind eigentlich dreidimensionale Objekte. Auf meist quadratischen Leinwänden, die er auf tiefe kastenförmige Rahmen spannt, breitet er in kuehler Farbigkeit seine „Zimmer“ aus.

Weiß, Schwarz, Grau in verschiedenen Abstufungen, fein abgestimmte Ockertöne dominieren die reduzierte Farbpalette, dazu kommt ein opakes himmelblau sowie ein dunkles Purpur. Nur hie und da bildet ein kaltes Gelb einen komplementären Kontrast zum Purpurviolett.

„Zimmer“ nennt der Künstler nicht nur die beklemmenden Zellen, in die man wie von einem Nirgendwo in tiefe Verliese blickt, sondern auch Innenhöfe, Plätze und Häuser. Die starke Draufsicht wird kombiniert mit face à face- Ansichten. Räumliches kann vexierbildhaft in Flächiges kippen, nach innen oder außen umgestülpt werden, sodass eine Verortung des Objektes immer auf der Kippe ist. Man blickt in offene Räume, die nur durch unzusammenhängende architektonische Elemente definiert und meist menschenleer sind. Nur vereinzelt begegnen uns winzige Staffagefiguren. Die schiere Abwesenheit konkreter Kommunikation wird zum Thema der Frage nach ihr. Auf der Suche nach menschlichen Spuren in diesen verlassenen Zimmern und unwirtlichen Orten kann ein Teller mit Spaghettiresten tröstlich oder auch nur zynisch wirken.

Der Mensch in Loewits Malerei erscheint unter dem Generalthema „Zimmer“ in der realisierten Moderne als anthropologisch ortlos und metaphysisch ungegründet. Das ist genau die Situation zwischen Nietzsches Ansage vom ‚Tode Gottes’ und Foucaults konsequenter Feststellung des ‚Endes des Menschen’.

Die Häuser sind meist von einem erhöhten Standpunkt aus gesehen. Ihre immer gleichartige Form mit steilem Satteldach, fensterlos und mit nur einer Türöffnung erinnert an die Bauklötzchen der Kinderzeit. Sie sind wohl als Chiffren fuer Behausung schlechthin zu verstehen. Aber was für eine Behausung ist das! Ganze Mauerteile werden aus der Tiefe der Häuser herausgezogen. Erst dadurch scheinen sich Räume im Inneren aufzutun. In diesen Öffnungen zeigen sich gelegentlich menschliche Figuren, zusammengekauert, in schmalen Gängen aneinander gedrängt oder in enge Türrahmen gepresst.

Aus dem Volumen eines Hauses herausgezogene Wände können sich auch verselbständigen und zusammen mit anderen Architekturelementen surreale Außenräume suggerieren, die wiederum aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen und beleuchtet sind. Ein Echo der pittura metafisica? Denn auch die Zeit scheint anderen Gesetzen zu gehorchen. Schattenlose, hell leuchtende Flächen lassen an high noon denken, während starke Schlagschatten schon den tiefen Sonnenstand anzeigen.

Nur selten verirrt sich Vegetation in Loewits „Zimmer“: Raumfüllend in ein Atrium gezwängt ein kahler Baum mit prothesenartigen Ästen und die Zitrone mit langem Schatten neben einem Tisch, dessen Beine paradoxerweise einen gelben Schatten werfen.

Diese Häuser und Zimmer, Innenhöfe und Plätze mit ihren kulissenhaften Elementen, vom Künstler häufig auf sog. „Tische“ platziert, lassen aber auch an Bühnenbildentwürfe etwa für Samuel Becketts „Warten auf Godot“ oder die Türhüterparabel von Franz Kafka denken.

Den gemalten Zimmern stellt Loewit die aus Wachs geformten und in Bronze gegossenen „Häuser“ gegenüber, denen ebenso wie den Bildern zumeist winzige Skizzen zugrunde liegen.

Diese kleinformatigen Plastiken sind ebenfalls auf Sockeln, Tischen oder Platten platziert und im wahrsten Sinne des Wortes aus einem Guss. Die Fundamente geben den Häusern aber nicht immer sicheren Halt. Ein Haus kann auch auf einer schiefen Ebene oder einer vermeintlich wackeligen Platte stehen und zu kippen drohen. Mehr noch als die gemalten Bilder erscheinen die dreidimensionalen Objekte surreal oder gar absurd, manche durchsetzt mit bissigem Humor. Das Haus auf schiefer Ebene droht auf eine Liegende zu stuerzen – oder ist diese aus der offenen Tür geglitten? Eine herausgeschobene Wand durchschneidet gleichzeitig das Haus, eine andere sogar die Tischplatte, auf der es steht. Die vier herausgezogenen Schubladen des fragilen Tischchens könnte man gar nicht hineinschieben, es hätte nur eine Lade Platz.  

Ausgangspunkt für die Arbeit an Loewits Hausobjekten bildet das aus einem Wienerberger Ziegel geschnittene Haus mit Satteldach, für das lediglich zwei Flächen abgeschnitten werden mussten, um das Objekt als Haus schlechthin zu definieren. In verlorener Form aus Bronze gegossen, hat der schlichte Ziegel etwas Ehrwürdiges wie z. B. eine Industriehalle aus dem 19. Jahrhundert, oder sogar etwas Feierliches wie eine Kathedrale und wirkt trotz des relativ kleinen Formats geradezu monumental.

Es geht dem Maler und dem Bildhauer in seinen jeweiligen Ausdrucksmöglichkeiten offenbar um Behausungen, Schutz- und Ruheräume, um Rückzugsorte, die ihre ursprüngliche Bedeutung allerdings verloren haben. Zimmer sind häufig zu Kerkern geworden. Der Gedanke an ein geselliges Beisammensein kommt hier erst gar nicht auf. Zum Verweilen einladen könnte allenfalls der Tisch mit den vier Sesseln am breiten grauen Seeufer, das von ein paar Möwen bevölkert ist. Aber der steht in der prallen Sonne.....

Dr. Elisabeth und O.Univ.-Prof. Dr. Gerhard Larcher