Erinnerungen – gefühlt und gebaut

Auf kubischen Platten oder Leinwänden realistisch-präzise gemalte Bildmotive assoziieren Räumlichkeiten, Wände, Durchblicke. Den Skulpturen ist eine ähnliche Grundstimmung eigen.

Der Blick fällt zuerst auf gemalte, sachlich formulierte Orte, auf Räume mit aufgehobener oder verschobener Perspektive, mit aufrecht oder schief gelegten Flächen und Winkeln mit darin eingestellten Objekten, ihre Kanten sind scharf gezogenen; auf Bereiche, mit und ohne Accessoires ausgestattet, einmal mit Alltags-Gegenständen wie Zitrone oder Speiseteller mit Spaghetti, ein andermal mit einer Figuration. Dann überrascht eine Sitzgruppe mit auf einer flachen Barriere agierenden Vögeln: Urlaubsklänge schieben sich ein – Gardasee! Fluchten mit eingehängten, schwebend empfundenen Kulissenwänden und mit einem von irgendjemandem abgelegten liegenden Akt. In enge Spalten sind Menschen eingezwängt. Klar erkennbar, aber doch mit einer Irritation behaftet, sind diese Gestaltungskonzepte präsent. In der Malerei lebt eine reale und gleichzeitig auch irreale Wirklichkeit, welche das Gewohnheitssehen ad absurdum führt.

In den kleinen Skulpturen hingegen ist die Realität des Kubus in seiner vollplastischen Substanz und mit Hohlräumen konkret fassbar. Im Abtasten des Volumens fühlt man die gebauten und mit der Hand gekneteten Gebäude als eigenständige, haptisch erfahrbare Dinge. Neben geschliffenen Flächen und Stegen spürt man auch weiche Oberflächen: das Handwerk versteht Georg Loewit. Im Nachsinnen an die Kindheit greift er aus Holz geschnittene oder aus Stein gehauene Spielzeugbausteine aus Großeltern Zeiten auf. Dem Betrachter werden Erfahrungsmöglichkeiten eröffnet und Interpretationen freigestellt, ein eigenes An-Denken erfüllt die kleinen Hauskomplexe mit Leben.

Auch der Bezug zum Heute wird in den Skulpturen artikuliert. Stelenartig auf vier Stäben ist eine Plattform in Form eines Tisches mit vier offenen Schubladen, eine davon aus der Horizontalen geneigt, und einem gekippten Teller gebildet. Der Tisch ist für Loewit Symbol für Gemeinschaft, doch diese scheint aus dem Lot geraten zu sein. Verwirrung schwebt über dem Tisch, Unsicherheit oder bewusst formulierte Verunsicherung wird augenscheinlich: Das Gemeingefüge wird in Frage gestellt.

„Haus“ betitelt Georg Loewit eine Skulptur, die fast als Ausgangspunkt für seine Konstruktionen dient. Ein (Wienerberger) Ziegel wird bewusst zerschnitten: Zellen und Hohlräume, Stege und Wände, Durchblicke und abgeschottete Schächte tun sich auf. Die Kubatur lässt eine neue Binnenstruktur frei: Architektur wird unter der komplexen „Haut“ in der Zusammenschau von den Raumeinheiten gegenwärtig.

Die Skulpturen sind auf stabile Plattformen in Form von Hausmodellen als Kuben mit Satteldach, teils mit Öffnungen und Durchblicken, teils mit ausgefahrenen Ebenen oder Stellwänden gebaut. Der Betrachter ist irritiert, weil sich manche Elemente zum Teil nicht mehr zurückführen lassen. Häuser geraten auf schräggestellter Basis ins Wanken. Schließlich werden der Basis noch Räder unterschoben, um vollends die Wirklichkeit zu negieren und einen spielerischen Aspekt zu betonen. Erinnerungen an Pfahlbauten werden wach, auch die menschliche Figuration wird in unrealistischer Proportion an den Kubus angebunden oder zu einem Element der Tektonik umformuliert. Also Verwirrung auf allen Ebenen, so wie das Zurückblicken auf die Kindheit oft in nebulosen Fragmenten im Nachhall einer Realität evident bleibt. Diese Reminiszenz ist keine Flucht aus der Gegenwart, vielmehr eine gefühlsbetonte, ja liebevolle Annäherung an Erlebtes.

Ao. Univ.-Prof. Dr. Gert Ammann